Franck und ich.


Die Mail war kurz: "Hey brother my name is franck i need to go hanover cant you keep me one place?" Das kam so: Ich bin es satt, alleine im Auto von Zürich nach Südschweden zu fahren. Zu einsam, zu weit, zu anstrengend und zu teuer. Aber eine Kettensäge im Handgepäck von easyJet schafft Kummer und Sorgen. Darum das Auto. So kam ich auf die Idee, ein Profil bei «BlaBlaCar» zu erstellen und nach Mitfahrern zu suchen. Im Gegensatz zum normalen Autostoppen geht man eine Verabredung ein. Passagier und Fahrerin können gerated werden. Wenn jemand zum Beispiel direkt vom Open Air kommt und sich seit fünf Tagen nicht mehr gewaschen hat, unpünktlich oder sonstwie unanständig ist, kann es sein, dass er nicht mehr mitgenommen wird. Wenn ich hingegen fahre wie eine Sau oder anderweitig unangenehm auffalle, werde ich gesperrt. Schmuck finde ich im übrigen auch, dass die Deutsche Bahn ein weiteres Problem bekommen hat. Ein normales Zugticket von Stuttgart nach Hannover kostet 125 Euro. Eine von «BlaBlaCar» vermittelte Fahrt kostet zwischen 25 und 30 Euro. Das ist ökologisch, ökonomischer, macht Spass und bringt dem Fahrer Geld ein. So traf ich Mayur und Franck am Echterdinger Bahnhof in Stuttgart. Eine internationale Zufallsgemeinschaft. Mayur kommt aus Delhi, ist 15 Jahre alt und wurde von seiner Tante direkt in meine Obhut übergeben. Franck ist 26 Jahre alt und kommt aus Kamerun im Westen Afrikas. Und ich aus Zürich Wiedikon. Mayur fragte mich bald nach der Abfahrt, ob er im Auto rauchen dürfe. Er war etwas enttäuscht, dass unsere Karre rauchfrei ist. Der Jüngling hatte Somosas dabei und ich Schinkenbrote, Äpfel, Eier, Energy Drinks aus der Migros und andere alkoholfreie Getränke. Denn es ist weit von Zürich nach Tingsryd. Franck telefonierte fleissig auf der hinteren Sitzreihe. Im übrigen hörte er Musik aus seinem Handy. Eine friedliche Fahrt über 361 Kilometer. Die Somosas aus der Restaurantküche von Mayour’s Tante waren köstlich. Mayour hatte Freude an einem M Budget Energy Drink. Nach zwei Stunden machten wir eine Pause. Die Herrschaften rauchten ein paar Zigaretten. Im Anschluss an den WC-Besuch stellte Mayour drei Dinge fest: 1. Das Klo kostet 70 Cent 2. Es werden einem 50 Euro Cent gutgeschrieben, wenn man etwas im Laden der Tanke kauft. 3. Mit Entzücken nahm er zur Kenntnis, dass es für ihn kein Problem war, Bier zu kaufen. Es war eine kurzweilige Reise von Stuttgart nach Kassel. Dort verliess uns Mayour und fuhr mit dem Zug nach Volkmarsen So waren Franck und ich auf den letzten 169 Kilometern von Kassel nach Hannover Wülferode allein im Auto. Ich zeigte ihm die Features des Beifahrersitzes. Und schon versank der Mann aus Kamerun auf dem Weg zu seinem Bruder in tiefen Schlaf. Mittlerweile war es dunkle Nacht im Norden Deutschlands. Kurz nach Northeim musste ich mal. Den Motor liess ich laufen, damit der «Brother» aus dem Westen Afrikas nicht friere. Keine fünf Minuten später hatte ich die Reisegeschwindigkeit von 145 km/h im sechsten Gang wieder erreicht. «My little Demon» von Fleetwood Mac begleitete mich dabei. Nur etwas störte den kontemplativen Akt des Fahrens zunehmend. Francks Handy mit seinem Klingelton. Das Smartphone spielte Jimmy Cliffs «You can get it if you really want”. Das schuf einen unangenehmen Diskant zu Fleetwood Mac. Ich dachte, Franck könne doch mal rangehen. Ich langte rüber zum Beifahrersitz und wollte ihn wecken. Aber da lag niemand. Zunächst hatte ich die Hoffnung, Franck hätte sich auf die hinteren Sitzreihen gelegt. Aber auch da war niemand. In panischem Schrecken kurvte ich in die nächste Ausfahrt und nahm einen der tausend Anrufe auf dem Handy von Brother an. «Hallo, hallo, c’est Franck, j’ai froid», verstand ich. Ich stammelte: «Franck, je cherche toi.» Mit Vollgas südlich, zur nächsten Autobahneinfahrt und dann wieder Richtung Norden. Es ist schwierig, klar zu denken, wenn man einen Menschen beim Pinkeln auf dem Rastplatz verloren hat und sieht, dass seine Jacke, sein Pullover und sein ganzes Gepäck auf dem Rücksitz liegen und man rund 20 Minuten lang mit 145 km/h nordwärts gefahren ist. So kam es, dass ich zu früh auf die A7, die mich auf den Rastplatz gebracht hätte, einbog und wieder in die Irre fuhr. Francks Handy war passwortgeschützt. Ich konnte ihn nicht mehr zurückrufen. Zum Glück hatte ich die Nummer aufgeschrieben, von der er mich auf seinem Telefon zu erreichen versucht hatte. Sie gehörte einem polnischen Lastwagenchauffeur, an den sich Franck in seiner Not gewandt hatte. Der Chauffeur sprach Deutsch und gab seinen Standort an. Jetzt konnte ich die Geheimwaffe einsetzen: Meine liebe Frau in Zürich. Sie ist ein Sprachgenie und spricht perfekt französisch. Ausserdem hat sie einen IPad, auf dem sie herausfand, wo ich war und wo Franck sein musste. Sie fand auch heraus, dass ich bis fast nach Göttingen zurückfahren sollte, und vor allem konnte sie Franck auf dem Telefon des polnischen Chauffeurs davon überzeugen, dass ich nicht die Absicht hatte und habe, afrikanische Asylbewerber zu bestehlen und irgendwo auszusetzen. Nach rund 150 Extra-Kilometern und einem hübschen Foto von mir, geschossen aus einer Blitze im Baustellenbereich bei Northeim, fand ich Franck in der Fahrerkabine des polnischen Lastwagenfahrers. So kam es, dass Franck in Hannover Wülferode bei seinem Bruder wohlbehalten aber später als erwartet angekommen ist. Wir haben noch ein Selfie gemacht.

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