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Auf der Fahrt zur letzten Reise seines Vaters

  • Autorenbild: Michael Würtenberg
    Michael Würtenberg
  • 16. Sept. 2025
  • 2 Min. Lesezeit


Kurz nach Belgrad, Richtung Südosten, an der ersten Mautstelle der Autobahn E75, reicht er mir ein Ticket beim Halt vor dem Automaten. Er muss nach Niš. Der Beifahrersitz meines Autos ist voll, der Fußraum bedeckt. Das kümmert den jungen Mann nicht, als er sich zu mir ins Auto setzt.

Kurz darauf stehen wir im Stau und versuchen, miteinander zu sprechen – mit Google, Händen und ganz rudimentärem Englisch. Er kommt von Subotica an der Grenze zu Ungarn und muss nach Niš und von da weiter nach Montenegro, in ein Dorf, dessen Name ich genau wie seinen vergessen habe.


Das ist ein weiter Weg im Balkan. Ich kenne die Strecke von einer früheren Reise: Gebirge, Passstraßen mit ganz vielen Schlaglöchern, noch mehr Kehren und Grenzübergänge mit strengen Grenzwächtern.


Vor drei Jahren habe ich an einem Grenzübergang, bei einer Kontrolle von Serbien nach Montenegro, mein langes Teleobjektiv ausgepackt, aufs Stativ montiert und eine Fotografie-Lektion erteilt.

Drei Grenzwächter waren über die Abbildungsleistung des Objektivs mit Konverter so begeistert, dass ich mit einem freundlichen „you good buy“ verabschiedet wurde.


Hier, im Südosten Europas, braucht alles Zeit, und man ist gut beraten, nicht in Eile zu sein.


Das Busticket von Subotica nach Podgorica kostet 35 Euro. Er ist Kellner, 33 Jahre alt, hat zurzeit keine Arbeit, kein Geld, kein Auto und muss schnell nach Montenegro zur Beerdigung seines Vaters. Sein Vater ist im Alter von 58 Jahren an Krebs gestorben und wird am anderen Tag zur Mittagszeit zu Grabe getragen. Soweit habe ich verstanden.


Er weint.


Offenbar hat er die Nacht am Busbahnhof verbracht, ist gestrandet, weil die Verbindung nicht funktionierte oder das Geld nicht gereicht hat – oder beides.


Ich muss nach Petrovac, das ist ein Haken nach Osten. Bei der nächsten Tanke besorge ich Wasser und Kaffee. Ich weiß nicht, ob seine Geschichte stimmt, aber die Story geht mir nahe, und ich gebe ihm 50 Euro obwohl er mich nie darum gebeten hat und wünsche ihm mit Translate alles Gute und Friede seinem Vater.


Drei Tage später treffe ich Manuel aus Deutschland in Breza in Bosnien. Bei Bier und Rakia erzählt er mir, dass er Mani Matter mag. Deshalb sende ich ihm einige Songs per Whatsapp und übersetze ihm die Texte, unter anderem das Lied von der Straße zum Friedhof.


Ir lüt, i wonen anere Strass

Und nid symbolisch meinen i das

I wonen anere Strass, wi gseit

Wo zum Fridhof geit

I cha vom Fänschter us d'Umzüg gseh

Mit Efeuchränz und Bluemebouquet

Wen alben eine derhär chunnt da

Mit de Füess vora

En Andre villicht mahneti das

Geng dra gly näm dr Schryner scho ds Mass

Ou ihm für ds tannige letschte Chleid

Und das tät ihm leid

Ig aber findes schön das mys Bett

Vorlöifig no ke Holztechel het

Und das i geng no dr Himel gseh

Fröit mi drum descht meh

Die Strass won i drann wonen isch zwar

So dänken i e Sackgass s'isch wahr

Hingäge für mi und i gniesse das

No ke Einbahnstrass

 
 
 

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