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Gute Seiten, schlechte Seiten in Smederevo

  • Autorenbild: Michael Würtenberg
    Michael Würtenberg
  • vor 18 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
Das Stahlwerk in Smederevo, 60 km südöstlich von Belgrad. Ein rauchendes, fauchendes Monster. Februar 2026
Das Stahlwerk in Smederevo, 60 km südöstlich von Belgrad. Ein rauchendes, fauchendes Monster. Februar 2026

In Radinac haben die Strommasten eine gute und eine schlechte Seite. Die dem Stahlwerk zugewandte Seite ist rot. Die abgewandte hingegen naturbelassen. Dunkelrot ist auch das eingezäunte  Stahlwerk, das an diesem Donnerstag im Februar 2026 nur auf Sparflamme läuft. Heute ist ein guter Tag: Nur einer der beiden Hochöfen ist in Betrieb.


Zvezdan Veljković von der NGO Pokret Tvrðava treffe ich am riesigen Bahnhof von Radinac, einem Vorort von Smederevo. Von diesem Bahnhof aus strömten vor 60 Jahren tausende Arbeiter in die Stahlwerke von Smederevo. Heute spriessen Gräser aus dem Beton, und entlang der Geleise sind Slum-Siedlungen entstanden. 

Zvezdan Veljković von der NGO Pokret Tvrðava am Bahnhof von Radinac. Februar 2026.
Zvezdan Veljković von der NGO Pokret Tvrðava am Bahnhof von Radinac. Februar 2026.

Kaum erreichen wir die Stahlschmelze, sehe ich eine Todesanzeige, die an der Tür der Wartehalle klebt: Die Frau hatte Jahrgang 1973. “Sie war eine Nachbarin von mir, sie ist vor kurzem an Krebs gestorben”, sagt Zvezdan Veljkovic.


Das Stahlwerk von Smederevo ist immer noch der grösste Arbeitgeber der Region, 60 Kilometer südöstlich von Belgrad an der Donau gelegen. Der Kontrast könnte grösser nicht sein: Hier die Festung, die an Zeiten erinnert, als Smederevo die Hauptstadt Serbiens war. Dort ein rotes Monster, das raucht und faucht und alles mit roten Staub zudeckt.


1913 gegründet und bis in die 80 Jahre des letzten Jahrhunderts war die Stahlschmelze der Stolz Serbiens. In den besten Zeiten arbeiteten hier bis zu 20`000 Menschen. Davon zeugen die riesigen Gleisanlagen und die Unterführung, die den Arbeitern und Arbeiterinnen direkten Zugang zum Werk ermöglichten. Heute fahren gemäss Fahrplan noch täglich sechs Züge die sechs Kilometer von Radinac nach Smederevo.

Von Smederevo nach Radinac. September 2022.
Von Smederevo nach Radinac. September 2022.

In unmittelbarer Nähe des Werks treffen wir zwei ältere Frauen, die in kleinen Häuschen 100 Meter vom Stahlwerk entfernt leben. Die beiden sind alleinstehend, die Ältere weit über 80 Jahre alt. “Meine beiden Töchter, deren Männer und meine Enkelkinder, sie sind alle an Krebs gestorben", sagt sie und verschwindet im Haus.Zwei Jungs posieren hingegen gerne für mich, bis ihr Vater sie nach Hause ruft. Etwas später begegnet uns der ältere der beiden mit zwei Einkaufstüten auf der Strasse, die zum Slum führt, wo sie wohnen. Hüner und Gänse lärmen, Schafe grasen - und alles ist von einer roten Staubschicht überzogen. Es stinkt - unmöglich zu sagen, wonach. Doch der Staub setzt sich auf den Autos, auf den Feldern und in den Lungen fest. 

Er posiert gerne für mich. Radinac Februar 2026.
Er posiert gerne für mich. Radinac Februar 2026.

Die Anlage hat eine bewegte Vergangenheit.  Bevor chinesische Investoren das Traditionswerk 2016 übernahmen, hatte die amerikanische Firma US Steel die Öfen betrieben, das Werk jedoch mangels Profitaussichten für einen Dollar an den serbischen Staat verkauft. Die chinesischen Investoren der HBIS steigerten die Produktion massiv. In Zukunft wollen sie gar 2,2 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr verkaufen. Die Folgen: Seit die HBIS Gruppe Stahl in Radinac schmilzt, sind die Krebsraten um das Vierfache gestiegen. 


Dennoch sagt NGO-Vertreter Zvezdan Veljković: “Wir haben nichts gegen die ausländischen Investoren oder gegen das Stahlwerk.” Denn Smederevo war schon immer ein Industriestandort. "Wir fordern vom serbischen Staat und den chinesischen Betreibern nur, dass sie die geltenden Grenzwerte einhalten und die Gesetze vollziehen.”

Die Krebsrate ist seit 2016 um das Vierfache gestiegen. Das Stahlwerk im Dezember 2024.
Die Krebsrate ist seit 2016 um das Vierfache gestiegen. Das Stahlwerk im Dezember 2024.

Dass dies nicht der Fall ist, zeigt auch ein Augenschein neben dem Stahlwerk. Neben ausgeschlachteten Autowracks ergiesst sich schwarzes, faulig stinkendes Wasser aus einer unterirdischen Leitung direkt vom Werk in einen Bach, der wenige Kilometer weiter unten in die Donau mündet. Zvezdan Veljković posiert neben dem dampfenden Abwasser für ein Video - bis mir der Gestank den Magen dreht.

Vom Stahlwerk in die Donau. Eine stinkende Brühe die mir den Magen dreht. Februar 2026.
Vom Stahlwerk in die Donau. Eine stinkende Brühe die mir den Magen dreht. Februar 2026.

 
 
 

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