Lieber Andreas Meyer

Neulich hatte ich während einer Autofahrt die Möglichkeit, Ihnen fast eine halbe

Stunde im Radio zuzuhören. Es ging im Wesentlichen darum, dass immer und für alles alle

anderen schuld sind.

Bombardier ist schuld am Ruckelzug, die verspätete Lieferung etc. Der

Reinigungsmittelhersteller ist schuld daran, dass die Farbe an den Zügen blättert und die

Waggons nicht hübsch und pünktlich sind, und so weiter und so fort. Beeindruckt hat mich

Ihre Fähigkeit, das Gleiche immer wieder in Varianten zu wiederholen. Nun habe ich eine

Frage zur Verantwortung, die Sie mir sicher kompetent beantworten können.

Gewiss sind Ihnen der Klimawandel und die Digitalisierung ein Begriff. Die Jugend mobilisiert und protestiert gegen die Versäumnisse Ihrer und meiner Generation, etwas gegen die Erderwärmung zu unternehmen. Eine der berechtigen und klugen Forderungen der Jugendlichen besteht darin, auf Flugreisen zu verzichten und die Bahn zu nutzen.

Weil Veränderung immer, aber auch wirklich immer, im Kleinen und bei einem selbst beginnt,

wollte ich kürzlich eine Reise mit dem Zug nach Perpignan buchen. Nicht online, sondern am Schalter. Online, also digital, geht so etwas bei der SBB leider gar nicht.

Die Frau am Schalter gab ihr Bestes und schaffte es trotzdem nicht, mir ein Zugticket in den

Süden Frankreichs zu verkaufen. Ein kurzes Teilstück wird von der spanischen Bahn

bewirtschaftet, sodass kein Ticket erhältlich ist. Irgendwann in diesem komplexen

Beratungsprozess kam meine Frau dazu, die auf dem Handy nachschaute, was der Flug

nach Barcelona und ein Mietwagen kosten würde. Das Zugticket kostete das dreieinhalbfache des Fluges. Ein Preis, den bezahlt hätte, hätte ich ein Ticket kaufen können.

Wohl oder übel nahm ich dann den Flieger.

Eine Kollegin war letzthin so unverfroren, auf der SBB-App eine Preisanfrage für eine

Bahnreise nach Rom zu starten. Der «SBB Kundendialog» beschied ihr, dass sie eine

Antwort binnen fünf Tagen erwarten dürfe.

Zu Ihrer Information: Easyjet fliegt von Basel nach Rom, am 21. März 2019 für 42 Franken.

Ich weiss, dass dieser Preis auch deshalb möglich ist, weil auf Flugtreibstoff keine Steuern

erhoben werden. Das ist ungerecht und unökologisch, aber halt die Realität.

Airlines haben keine Mühe, effiziente Buchungssysteme mit Bezahlfunktion auf dem Handy

anzubieten. Einen Mietwagen und ein Hotel auf der gleichen App zu buchen ist ein

Kinderspiel. Und das über viele Länder hinweg.

Das wäre doch etwas, das Sie als CEO eines Schweizer Vorzeigeunternehmens mit Ihren

Kollegen der anderen Bahnen Europas in Angriff nehmen und der Kundschaft anbieten

könnten. Aber ich vermute, Sie sind gerade damit beschäftigt, jemandem die Schuld für

dieses Versäumnis in die Schuhe zu schieben, statt sich mit den grossen Fragen der

Mobilität zu befassen.

Ich grüsse Sie

Michael Würtenberg

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